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Workshop von BUND, FES und Misereor beim Alternativen Energiegipfel der Klima-Allianz: Globale Dimensionen einer Energiewende – Modellwerkstatt Deutschland?

Workshopteilnehmer. Foto: Stephanie Leisten.

 

Die deutsche Energiewende wird international interessiert, aber auch kritisch verfolgt. Wenn diese gelingt und zeigt, dass Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und Klimaschutz gleichzeitig zu erreichen sind, wird das Nachahmer finden – auch in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern. Umgekehrt kann Deutschland die Reform des globalen Energiesystems nicht alleine bewältigen - zudem wäre auch aus ökonomischer Sicht ein nationaler Alleingang teurer – nur eine breitere Nachfrage nach Erneuerbaren Energien wird die Kostenkurve runterbringen. Doch kann die deutsche Energiewende in anderen Ländern als Vorzeigeprojekt herhalten? Oder sind die Bedingungen in anderen Ländern zu unterschiedlich und das deutsche Beispiel eventuell auch gar nicht besonders nachahmenswert? Der Workshop von BUND, FES und Misereor beim alternativen Energiegipfel der Klima-Allianz zielte darauf ab, die häufig national geführten Diskussionen um die deutsche Energiewende um internationale Perspektiven zu ergänzen.

 

Foto: Stephanie Leisten.

 

Nach Inputs von Nina Netzer (FES) zu den Voraussetzungen einer globalen Energietransformation und einer Presseschau von Nick Reimer (Wir Klimaretter) bot der Workshop Raum, die deutsche Energiewende aus afrikanischer, europäischer und indischer Perspektive zu diskutieren. Ajay Kumar Jha, von der indischen NGO Pairvi machte deutlich, dass die deutsche Energiewende in Indien relativ wenig wahrgenommen wird und dass es in Indien keinen generellen Konsens gibt, dass wir eine globale Energietransformation brauchen. Jedoch beobachtet ein kleiner, kritischer Teil aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft das deutsche Projekt sehr genau und hat aus vier Gründen großen Respekt für diese Entscheidung:

 

  1. Der grundsätzliche Konsens aller politischen Parteien für eine Energiewende wird als bemerkenswert eingestuft
  2. Es gibt ein großes zivilgesellschaftliches Engagement für die Energiewende, das bewundert wird.
  3. In Indien ist man erstaunt darüber, dass sich Deutschland trotz eines relativ großen Anteils der Atomenergie von 18% zum Atomausstieg bekennt - in Indien erscheint dies trotz eines geringen Anteils am Stromverbrauch von 1% sehr unwahrscheinlich.
  4. Die Energiewende wird als demokratisch eingestuft, da durch das System der Einspeisevergütungen alle Akteure die Möglichkeit haben, zu partizipieren.

 

Ajay Kumar Jha (Pairvi). Foto: Stephanie Leisten.

 

Ajay betonte, dass wir dringend eine globale Energiewende brauchen. Die Voraussetzungen in allen Ländern sind sehr unterschiedlich, doch es gibt auch Gemeinsamkeiten, wie die Debatte in Indien im Vergleich zur Debatte in anderen Ländern zeigt:

 

  • In den meisten Ländern spielen die Fragen nach dem Zugang zu Energie und Gerechtigkeitsfragen weniger eine Rolle, in erster Linie geht es um den Bereich Energieproduktion, was sich auch in der Realpolitik niederschlägt:
  • Indien ist dafür ein gutes Beispiel: Obwohl sich seit Beginn der Globalisierung die Energiekapazitäten verdreifacht haben, sind immer noch 40% der Menschen nicht ans Stromnetz angeschlossen - gerade mal eine Verbesserung von 10%.
  • Häufig wird in der Debatte um Energiepolitik nur das Thema Elektrizität berücksichtigt, wobei diese nur 17% der Energieerzeugung ausmacht. In vielen Ländern, u.a. in Indien, ist traditionelle Biomasse der wichtigste Energieerzeuger. Damit sind in diesen Ländern für eine Energiewende ganz andere Grundvoraussetzungen gegeben.
  • In fast allen Ländern wird bisher zu wenig über Energieeffizienz und Re-Bound-Effekte gesprochen.

 

Trotz aller Unterschiede kann Deutschland prinzipiell ein Vorbild für andere Länder und auch für Indien sein. Dabei ist es wichtig, dass die zwei grundlegenden Voraussetzungen, ein Konsens aller politischen Parteien für eine Energiewende, sowie ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement, gegeben sind. Diese gilt es zu stärken.

 

Auch im Tschad sind die Voraussetzungen deutlich andere, wie Andreas Kahler, der Leiter des MISEREOR Verbindungsbüros im Tschad, beobachtet: Hier verbreiten sich zwar zumindest im Kleinen auch erneuerbare Technologien, es gibt z.B. immer mehr solarbetriebene Straßenlaternen oder Hausbeleuchtungen. Die große Herausforderung im Tschad ist allerdings, die Bevölkerung überhaupt erst mal mit Strom zu versorgen. Die Stromversorgung steckt hier noch in den Kinderschuhen: lediglich 4% der Bevölkerung hat überhaupt Zugang zu Strom, der überwiegende Teil der Bevölkerung ist auf traditionelle Biomasse, wie Holz angewiesen. Doch dies könnte auch eine Chance sein, die Stromversorgung gleich von Anfang an auf Sonne und Wind aufzubauen und die entsprechende Infrastruktur zu schaffen (Vgl. Blog von Christiane Felder, Misereor).

 

Diese Problemlage ist beispielhaft für viele Entwicklungsländer, die zwar interessiert am deutschen Weg und am Ausbau der erneuerbaren Energieversorgung sind, häufig aber nicht wissen, wie sie die nötigen Anfangsinvestitionen aufbringen sollen. Dieses Interesse gilt es zu nutzen: gerade in vielen Entwicklungsländern sind die Voraussetzungen günstiger als in Deutschland, da diese über mehr Sonne und Wind verfügen und zudem viele Länder nicht über ein stabiles, historisch gewachsenes Stromversorgungssystem verfügen – unter Umständen eine bessere Ausgangslage für eine dezentrale Stromversorgung mit Erneuerbaren Energien. Dies sind gute Voraussetzungen für Projekte im Rahmen der Entwicklungs- oder bilateralen Zusammenarbeit – jedoch sollte Deutschland dabei kein unmittelbares Vorbild sein: zum einen sind die Voraussetzungen zu unterschiedlich, zum anderen stellt das deutsche „Modell“ keine grundlegende Neuausrichtung dar, sondern eine gegrünte, jedoch weiterhin wachstumsbejahende Antwort auf Wirtschafts- und Energiekrise. Ein kritischer Umgang mit dem deutschen Beispiel kann dazu beitragen, dass in anderen Ländern ein echter Paradigmenwechsel stattfindet.

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